Interview: Was stört Sie im Radio, Herr Stockinger?
Von Matthias Morr
Was für Moderatoren sind heute gefragt?
PETER STOCKINGER : Die Sender wollen offenbar
uniformierte Moderatoren. Wo auch immer
Sie reinhören, finden Sie diese offensive Art von
Freundlichkeit, die Ihnen da aus den Lautsprechern
entgegen springt…
Und die Moderatoren sollen nicht polarisieren…
Das sowieso nicht. Aber ich sehe auch die gegenläufige
Entwicklung. In den USA zum Beispiel.
Da sind Moderatoren mit Ecken und Kanten
gefragt, wenn man Howard Stern sieht.
Der ragt heraus aus dem Brei von gleich klingenden
Leuten. Stellen Sie sich vor, ein Harald
Schmidt würde in Deutschland im Radio moderieren. Das wäre so ähnlich. Der hätte auf jeden
Fall viele Fans. Und wenn er nur in Mono senden
würde – ganz egal. Aber so einer passt im
Grunde nicht in die hier und heute herrschende
Formatideologie.
Sind denn die Nachwuchsmoderatoren wirklich
schlechter als früher?
Ich will die ja gar nicht angreifen. Nur, was haben
die denn zu verkaufen? Um Inhalte geht es
ja nirgendwo. Die müssen fidel sein, die müssen
Party machen. Diese aufgeschreckten Hühner,
die da morgens schon anfangen zu gackern mit
ihrer stereotypen Freundlichkeit. Da biegt sich
mir ja manchmal alles. Ich fühle mich heute als
Radiohörer missachtet. Die meistgestellte Frage
im deutschen Radio – was ist die heute?
Keine Ahnung…
„Wie ist denn die Stimmung bei euch?“. Und
die meistgenannte Antwort ist dann darauf: „Jede Menge Party!“ Ich finde es so schade, wenn ich sehe, was für
Themen auch für junge Leute interessant und
spannend wären. Aber im Radio findet Deutschland
nur als Partyland statt…
Aber es muss doch auch Nachwuchs geben, der
anders ist…
Ich glaube ja nicht, dass Deutschland nur noch
aus Idioten besteht, obwohl es manchmal so
klingt. Wenn ich heute manchmal ganz junge
Moderatorinnen höre, fällt mir bei denen vor
allem ihre Sprache auf: Die ist oft verblüffend
altbacken, eine Conférencier-Sprache der 30er
und 40er Jahre. Da fallen Sätze wie „Was macht
denn dann dein Göttergatte?“. Wo haben die
denn das Wort her? Das hat doch mit der Alltagssprache
nichts zu tun. Aber wenn heutzutage
im Radio nur eine Zuckerschnute gebraucht
wird, dann melden sich auch nur noch Zuckerschnuten.
Ist das nur ein Problem der Pop-Programme?
Bei den Kulturwellen machen sie genau das
Gleiche. Auch dort moderieren Zuckerschnuten
honigsüß mit dürftiger Sprache so genannte
Feuilletons an. Die Programmmacher
gehen in die Rezepte der 70er Jahre zurück
und reden von Durchhörbarkeit.
Es soll also nichts im Programm vorkommen,
was irgendwie stören könnte…
Genau. Die Folge ist, dass die Leute irgendwann
kein Radio mehr hören. Wenn ein Sender
auf Durchhörbarkeit bei der Musik setzt,
da hole ich mir doch meine Musik lieber auf
den iPod. Das ist ja dann persönlicher zugeschnitten
und „durchhörbarer“ als alles andere.